Verteilte Verantwortung mittels soziokratischen Mitteln wahrnehmen

Warum

Ich bin Führungskraft und war Head Architekt in einem unser agilen Entwicklungsteams. Der Gedanke, dass eine Person fest die Rolle Head Architekt inne hat ist meiner Vorstellung nach nicht mehr zeitgemäß. Laut unserer damaligen Definition sollte sie hauptsächlich die technische und fachliche Konsistenz der Anwendungsarchitektur und die Einhaltung von Qualitätsstandards sicherstellen sowie technische Ideen und Innovationen steuern. Zusätzlich war sie für den teamübergreifenden Austausch verantwortlich. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, entschied ich mich schon früh die Verantwortung mit dem Team zu teilen. Somit gab es nicht den Head Architekten. Wir haben vieles im Konsens entschieden. Durch diese Art der Entscheidungsfindung mussten und hatten wir über die Jahre ein ähnliches Mindset entwickelt. Mit der Ausweitung unserer Aufgabengebiete und der steigenden Vielfalt und Spezialisierung wurde es für uns immer schwerer konfliktfrei Entscheidungen zu treffen. Unser System passte nicht mehr richtig zu uns und den Anforderungen an uns. Inspiriert durch @BjornSchneider habe ich mich verstärkt mit Themen wie Holacracy und Soziokratie auseinander gesetzt. Ich glaube das Elemente daraus auch für ein einzelnes Team in einer (noch:) Linienorganisation sehr interessant sind um Selbstorganisation und Selbstverantwortung zu fördern.

Konsent und Kreise

Die beiden Prinzipien Konsent und Kreise scheinen mir ein guter Startpunkt zu sein.

Konsent

Der Entscheidungsprozess in der Soziokratie wird konsent (mit t) genannt. Er versucht die Probleme von demokratischen konsensbasierten Entscheidungen zu lösen. Demokratische Entscheidungen brauchen Zustimmung und Mehrheiten. Gibt es genug Enthaltungen können auch Minderheiten die Mehrheit bilden. Gegenstimmen werden nicht gehört. Gibt es keine Mehrheit wird der Vorschlag passender gemacht. Dies reduziert oft die Qualität und kostet Zeit.

Im Kontrast dazu geht es im Konsent um Einwandintegration. Das Argument zählt und nicht die Stimme. Es verspricht eine größere Beteiligung da jeder Einwand gehört wird. Dazu muss er allerdings schwerwiegend und begründet sein. Schwerwiegend bezieht sich auf das Überschreiten des eigenen Toleranzbereiches. Bin ich in meinem Toleranzbereich, kann ich einen Einwand haben und möchte dennoch die Entscheidung nicht blockieren. So kann ich einen relevanten Einwand haben, finde aber trotzdem die Entscheidung besser, als bei der aktuellen Situation zu bleiben. Begründet bedeutet, dass Konsent kein Vetorecht ist. Man kann nicht einfach Nein sagen. Der Einwand muss mit Argumenten begründet sein. In der Holacracy sorgt das Integrative Decision Making IDM dafür dies zu prüfen. Dieser sehr stringente Prozess ist für Ungeübte ziemlich radikal. Selbst ohne IDM empfiehlt es sich die darin enthaltene Trennung von Verständnisfragen, Reaktionen und Einwänden zu einem Vorschlag in seinen Entscheidungsprozess zu übernehmen.

Konsent hindert einen nicht auch demokratisch, autokratisch, im Konsens oder durch konsultativen Einzelentscheid zu entscheiden, wenn sich die Gruppe im Konsent dazu entschließt.

Konsent fördert die sachorientierte Diskussion und verspricht effektiver als Konsens zu sein. Es ist leichter, einen begründeten Einwand zu diskutieren als viele Meinungen unter einen Hut zu bringen. Auch ist es leichter keinen begründeten Einwand zu haben als zuzustimmen.

Kreise

Kreise setze ich mit Verantwortungsbereichen gleich. Neben dem Ober-Kreis, das was das ganze Team verantwortet, gibt es Unter-Kreise, welche die unterschiedlichen Spezialisierungen gruppieren. Unser Team ist cross-functional, d.h. nicht jeder kann alles, aber zusammen können wir alles! Damit braucht und soll einer auch nicht Kreise verantworten zu denen er keinen oder nur einen sehr geringen Bezug hat. Implizit ist dies meist schon so, durch das Benennen der Kreise und deren Mitglieder wird dies nun explizit. Innerhalb eines Kreises sollen die Mitglieder echte Verantwortung übernehmen und Besitzer sein. Dazu brauchen sie Autonomie um eigenständig in ihrem Bereich Entscheidungen zu treffen. Hat die Entscheidung Auswirkungen auch ausserhalb ihres Kreises, so sind sie verpflichtet dies aktiv zu kommunizieren und gemeinsam mit den betroffenen Kreisen eine Lösung zu finden. Neben der Autonomie ist das Alignment an eine gemeinsame Vision sehr wichtig. Nur darüber kann sichergestellt werden am gleichen Strang zu ziehen.

Ausblick

Konsent und Kreise fördern ein kooperatives Miteinander, Eigenmotivation und Selbstverantwortung. Entscheidungen werden beschleunigt, Freiraum und Transparenz gleichzeitig erhöht.

Unsere Entscheidungen wollen wir primär im Konsent treffen. Welche Kreise mit welchen Mitglieder existieren, wollen wir in einem regelmäßigen Governance Meeting überprüfen. Damit ist das System flexibel und evolutionär. Ich bin gespannt welche Erfahrungen wir bei diesem Experiment sammeln werden.

Wenn du Fragen, Anregungen oder Feedback hast, dann her damit. Nutze bitte die Kommentarfunktion oder kontaktiere mich über @leifhanack.

Die folgenden Artikel helfen beim Verstehen des Konsent-Entscheidungsprozesses und geben einen Überblick über Soziokratie.